“Endlagerung ist ein unlösbares Problem”

Interview mit Tobias Darge

Tobias Darge vertritt den Umweltverband BUND Niedersachsen als stimmberechtigtes Mitglied in der Asse-2-Begleitgruppe. Der 37-jährige Göttinger ist seit seiner Jugend in der Atomausstiegsbewegung aktiv. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Landtagsabgeordneten Kurt Herzog (Die Linke) gehört Darge zum Asse-Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags.

Tobias Darge

Die Lex Asse ist auf dem Weg. Sie schreibt erstmals die Rückholung fest, beinhaltet aber auch Abbruchkriterien. Was versprechen Sie sich von ihr?

Ich hoffe, dass dieses Gesetz uns weiter bringt. Bisher arbeitet ein Teil der Behörden für die Rückholung und ein anderer Teil ist sich noch nicht so sicher. Durch die Lex Asse wird die Rückholung jetzt festgeschrieben. Das Gesetz sagt quasi „Jetzt muss es vorangehen!“ Sicherheitsnachweise müssen bei vorbereitenden Arbeiten nicht mehr so tief geführt werden. Es sollen nicht Aktenberge produziert, sondern der Atommüll zurückgeholt werden.

Der Wortlaut der Lex Asse ist nicht unumstritten. Könnte das Gesetz nicht noch besser werden?

Klar gab es auch in der Begleitgruppe Diskussionen. Viele Vertreter wollten, dass nur die Rückholung im Gesetz steht. Insbesondere die Bürgerinitiativen hatten Bedenken und Vorbehalte wegen der Abbruchkriterien. Eins ist aber klar: Der Strahlenschutz muss selbstverständlich eingehalten werden. Andererseits ist die Asse-Strahlung nicht mal so hoch wie die eines Castor-Behälters.

Auch ich hatte darüber nachgedacht, ob ich mich in der Begleitgruppe bei der Abstimmung enthalten sollte, weil es so viele Bedenken und Befürchtungen gab. Letztlich denke ich aber, dass die Lex Asse besser ist, als gar kein Gesetz zu haben. Den Schacht zu verfüllen, wäre für die Verantwortlichen auch schon vor dem Gesetz möglich gewesen. Insofern sehe ich die Lex Asse auf jeden Fall als Fortschritt. Etwas Besseres können wir im Moment nicht bewirken.

Es hat in der öffentlichen Diskussion auf jeden Fall einen Schnitt gegeben. Das war der Zeitpunkt, als die Arcadis-Planung veröffentlicht wurde, nach der erst 2036 die Rückholung beginnen könnte. Es gab einen Aufschrei über alle Parteigrenzen hinweg. Da hat man gesehen: Alle sind für eine Beschleunigung der Prozesse rund um die Rückholung – das ist positiv zu bewerten. Dieser Paradigmenwechsel muß nun auch, wie Landrat Jörg Röhmann festgestellt hat, von der Verwaltung zur Kenntnis genommen und umgesetzt werden.

Als Göttinger sind Sie Mitglied in der Asse-2-Begleitgruppe, wo sonst größtenteils Menschen aus der Region Wolfenbüttel vertreten sind. Spielen Sie eine Sonderrolle?

Ich bin schon immer in Atomausstiegsgruppen in Göttingen aktiv gewesen. Bei einer Konferenz in Salzgitter bin ich auf die Lage an der Asse aufmerksam geworden. Seit 2005 habe ich Kontakt zum Verein Aufpassen. So habe ich auch Heike Wiegel kennengelernt, die ich dann zu einer Konferenz nach Göttingen eingeladen habe.

Bald darauf wurde der Asse-2-Koordinationskreis gegründet. Inzwischen vertrete ich den BUND Niedersachsen in der Begleitgruppe. Es ist gut, dass hier an der Sache entlang und über Parteigrenzen hinweg diskutiert wird. Ich bin aber weiterhin bei Veranstaltungen des A2K dabei, auch dort gibt es immer wieder interessante Diskussionen.

Ist das Thema Asse auch in Göttingen aktuell?

Das Asse-Thema ist bundesweit aktuell. Durch die Fukushima-Katastrophe hat es an Aktualität noch hinzu gewonnen. Früher war Tschernobyl ein Riesenthema. Viele Bürgerinitiativen und Atomkraftgegner haben sich zu diesem Thema zusammengefunden. Jetzt gibt es eine neue Generation interessierter Menschen, für die aber Tschernobyl nicht mehr so aktuell ist. Die interessieren sich eher für Themen wie die Asse, Schacht Konrad oder Gorleben und haben das Gefühl, dass die Verantwortlichen beim Thema Endlagerung versagen.

Wie wird es denn jetzt mit der Rückholung weitergehen?

Wir müssen weiter Druck machen, sonst tut sich gar nichts. Ein Beispiel ist die Probebohrung für den neuen Schacht 5. Laut jetziger Planung soll das noch fünf bis acht Jahre dauern. Warum geht das nicht schneller? Experten – wie Ralf Krupp von der AGO – weisen darauf hin, dass es in der Industrie höchstens drei Jahre dauert, einen solchen Schacht entstehen zu lassen.

Bis die Ergebnisse des Fachworkshops zum Strahlenschutz bekannt gegeben werden, wird es auch noch eine Weile dauern. Kritiker haben oft das Gefühl, die Verantwortlichen arbeiten nur noch am Notfallkonzept. Auch ich finde, dass Misstrauen weiter angebracht ist.

Woher kommt dieses Misstrauen?

Dafür gibt es viele Gründe. Ein Absaufen der Asse ist beispielsweise schon seit den 60er Jahren als Gefahr bekannt. Und dennoch haben damals Experten behauptet, ein Wassereinbruch sei auszuschließen. Bergleute haben sich gefragt: Wenn Asse-1 absäuft und Asse-3 absäuft, warum sollte dann nicht auch Asse-2 absaufen?

Wenn Laien recht behalten, wo Experten etwas anderes behauptet haben – wie soll da Vertrauen entstehen? Klaus Kühn ist in diesem Zusammenhang als Hauptschuldiger zu nennen. Er hat 1967 gesagt, die Asse sei vor Wassereinbruch sicher, obwohl er es besser hätte wissen müssen. Dies wurde auch im Asse-Untersuchungsausschuss des niedersächsischen Landtags klar. Ein Gegenbeispiel ist Helge Jürgens, der in den 70er Jahren stets vor dem Wassereinbruch gewarnt hat. Doch er wurde nicht beachtet.

Ein weiterer Grund für das Misstrauen: Viele der heutigen Experten – beispielsweise im Bundesumweltministerium – schleppen Altlasten mit sich herum. Minister Altmaier hat einen Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit, Gerald Hennenhöfer, der als Funktionär der Atomindustrie den Atomkonsens mit ausgearbeitet hat.  Die Befürchtung ist groß, dass Verantwortliche in den Ministerien, die Freunde in der Atomindustrie haben, nicht immer so genau hinschauen.

Bei Hennenhöfer kommt noch hinzu, dass er stark für die Verfüllung der Asse argumentiert. Es sind also verschiedene Personalien in den verantwortlichen Positionen, die aufgrund ihrer Geschichte Misstrauen erzeugen.

Was passiert nach der Rückholung? Wo sollte der Asse-Müll gelagert werden?

Zunächst hat man die Möglichkeit, den Müll kontrolliert zu lagern. Und: Man kann ihn sich überhaupt erstmal genau angucken. Was die Endlagerung angeht, denke ich, das ist ein unlösbares Problem. Es ist eine unvorstellbare Zeitdauer, die der Müll noch strahlt und Probleme verursacht. Noch sehr viele Generationen werden sich damit herumplagen müssen.

Diese Probleme wurden in der Vergangenheit verursacht und lassen sich jetzt nicht lösen.