Michael Fuder im Interview

Zwischenlager an der Asse wäre wohl das kleinste Übel

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Michael Fuder ist als energie- und atompolitischer Sprecher der Wolfenbütteler Grünen im Asse-2-Koordinationskreis vertreten. Für diesen ist er wiederum Mitglied in der Asse-2-Begleitgruppe. Fuder wohnt seit 1983 in der Region Wolfenbüttel/Braunschweig. Ursprünglich kam er als Hornist zum Braunschweiger Staatsorchester. Inzwischen berät er als Geschäftsführer seines Büros merkWATT Unternehmen und Kommunen zu den Themen Energie und Klimaschutz. Zudem ist er Mitglied des Gemeinderates seines Wohnortes Erkerode.

Im Interview spricht der 56-Jährige darüber, wieso ein Zwischenlager für den Asse-Müll eventuell auch an der Asse entstehen sollte. Er plädiert für eine sachbezogene und erkenntnisgeleitete Diskussion, die aber die allzu berechtigten Emotionen ernst nimmt.

Herr Fuder, vieles deutet darauf hin, dass das Zwischenlager an der Asse entsteht. Könnten Sie persönlich und politisch mit einer solchen standortnahen Lösung leben?

Mein Bauch sagt ganz klar nein. Mein Kopf aber sagt: Wahrscheinlich wäre es das kleinste Übel. Dafür sprechen drei Gründe. Erstens würde jeder andere Standort für ein Zwischenlager bedeuten, dass der Atommüll durch die Republik transportiert werden müsste. Dies stellt ein zusätzliches Risiko dar. Wir fanden es immer falsch, dass beim Planfeststellungsverfahren für Schacht Konrad die Transporte nicht berücksichtigt wurden. Bei der Asse ist es aber genau so: Transporte wären ein Risiko.

Zweitens hätte eine bundesweite Standortsuche nur dann Sinn, wenn der bestmögliche Standort gesucht würde – was immer das sein mag. Dies hätte dann eine hoch politische Komponente. Es ist zu befürchten, dass dadurch die Zwischenlagersuche für den Asse-Müll in die allgemeine Atommülldebatte Eingang finden würde. Dann würde es ganz schnell mit der Endlagersuche verknüpft und wäre Teil eines jahrzehntelangen Suchprozesses des Bundes und der sechzehn Bundesländer, jeder mit eigenen Interessen. Man kann sich vorstellen, was das Ergebnis wäre.

Und drittens: Wir haben zwar Morsleben, Konrad und die Asse, so dass man sagen könnte, wir sind hier schon genug belastet, es sind mal andere dran. Andererseits: Wenn man sich die Landkarte mal anschaut, wird man feststellen, dass es keine weißen Flecken gibt. Alle ehemaligen Atomkraftwerke sind Zwischenlager. Dann gibt es die Landessammelstellen. Es gibt keine Regionen, die unbelastet sind.

Was wäre Ihrer Meinung nach das schlimmste Szenario beim Zwischenlager?

Beim Zwischenlager gibt es selbstverständlich die vollständige Risikopalette, die im Umgang mit radioaktivem Abfall existiert. Das ist völlig unabhängig vom Standort. So muss das Zwischenlager gegen Risiken so gut wie möglich abgesichert sein. Ein Beispiel wäre ein Flugzeugabsturz. Rechtlich ist nicht gefordert, den besten Standort zu suchen, sondern einen geeigneten. Bei der Asse sind insbesondere auch Fragen nach geologischen Risiken genau zu prüfen.

Viele der existierenden Zwischenlager sind bessere Turnhallen. Die bisher umgesetzten Standards erscheinen mir als nicht ausreichend. Wenn die Arbeitsgruppe Option Rückholung (AGO) den Schutz gegen Flugzeugabstürze explizit fordert, deutet das daraufhin, dass das eben nicht selbstverständlich ist. Zwar ist das Gesamtinventar an radioaktivem Material in der Asse nur ein Bruchteil von dem, was in Gorleben liegt, trotzdem muss die Sicherheit genauso hoch sein.

Wieso ist der Widerstand gegen das Zwischenlager in Remlingen und der Region so groß? Welche Faktoren spielen da eine Rolle?

Ich kann nicht wirklich einschätzen, wie groß der Widerstand vor Ort wirklich ist oder gegebenenfalls werden wird. Ganz nüchtern betrachtet, muss man feststellen, dass es ein selbstverständlicher Erkenntnisprozess des Menschen ist: Wenn gefährlicher Atommüll bei mir vor der Haustür gelagert wird, dann will ich ihn da nicht haben. Das ist schon ein natürlicher Reflex. Deswegen ist die Diskussion so wichtig. Wir müssen alle Argumente erst einmal sichten. Dieser Prozess beginnt gerade erst.

Ich habe grundsätzlich großes Verständnis für eine Ablehnung. Wenn ich bei mir zuhause aus dem Fenster sehe, dann sehe ich die Asse. Ich kann das also gut verstehen.

Könnte man einem hochmodernen Zwischenlager vor der Haustür nicht vielleicht sogar etwas Positives abgewinnen?

Nein. Es ist ein notwendiges Übel, um die Bergung des Atommülls zu ermöglichen und zu erleichtern. Man könnte zwar behaupten, wir werden dadurch so etwas wie eine Kompetenzregion für den Umgang mit radioaktiven Abfällen. Das als Vorteil zu sehen, ist mir aber zu euphemistisch.

Ist ein Zwischenlager für den Asse-Müll eigentlich ein besonderer Fall?

Die Besonderheit liegt darin, dass nur ein Zwischenlager die Möglichkeit eröffnet, einen unhaltbaren Zustand unter Tage zu beenden. Das ist ein qualitativer Unterschied zu anderen Standorten.

Müsste man nicht pragmatisch sagen: Das Zwischenlager muss an der Asse gebaut werden, damit die Rückholung möglichst schnell vorangeht?

Es muss relativ kurzfristig ein Zwischenlager erstellt werden – und zwar so risikoarm wie möglich in Bezug auf Entscheidungs- beziehungsweise Prozessrisiko und Strahlenschutz. Aus diesen Gründen sehe ich es im Moment so – allerdings zähneknirschend – , dass ein Zwischenlager an der Asse wohl der risikoärmste Weg ist.

Für Naturschützer spielt ja selbstverständlich auch die Fläche, die das Lager einnehmen wird, eine Rolle, weil Naturboden in Betonfläche verwandelt wird. Es gab Vorschläge, nach bereits versiegelten Flächen zu suchen. Welche Rolle spielen diese Überlegungen beim Thema Rückholung?

Das ist ein nachvollziehbarer Wunsch. Aber insgesamt ist er für mich untergeordnet. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass es irgendwo eine geeignete Fläche gibt, die genau die Bedingungen an dieses Zwischenlager erfüllt. Falls doch, muss man sich den genauer anschauen. Man muss im Übrigen erst einmal sehen: Die Rückholung als solche ist eine Naturschutz-Maßnahme. Zudem muss jeglicher Eingriff in die Natur, der für ein Zwischenlager gemacht wird, dann selbstverständlich einen „Ausgleich“ entsprechend den gesetzlichen Regeln für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen nach sich ziehen.

Das BfS sagte bei der Informationsveranstaltung in Schöppenstedt, dass das Zwischenlager wahrscheinlich zum zeitkritischen Teilprojekt werden würde, wenn die Suche bundesweit stattfände. Dies sahen einige Bürger als Erpressung. Was denken Sie dazu?

Das finde ich unangemessen. Wenn man politische Prozesse nüchtern betrachtet, weiß man, dass es dann sehr lange dauern würde. Eine Tatsache ist nicht dadurch Erpressung, dass jemand Bestimmtes sie ausspricht.

Was kann die Begleitgruppe beim Thema Zwischenlager bewirken?

Sie kann zu einer sachbezogenen und Erkenntnis-geleiteten Diskussion beitragen, und sollte diese auch selbst organisieren. Es wäre kontraproduktiv, wenn die öffentliche Diskussion nur in der Hand von Behörden läge. Diese müssen wir als Bevölkerung selbst gestalten. Und die Asse-2-Begleitgruppe vertritt die Bevölkerung.

Die Informations-Veranstaltung in Schöppenstedt war ein Anfang. Dort haben wir Transparenz erlangt über Fragen wie: Was heißt Puffer- und Zwischenlager sowie Konditionierung? Die Positionen der AGO an die Sicherheitsanforderungen an ein Zwischenlager wurden dort ebenfalls deutlich.

Gibt es innerhalb der Begleitgruppe schon eine gemeinsame Linie zu dem Thema?

Nein. In der A2B ist die Diskussion auch erst am Anfang. Es müssen jetzt weitere Schritte folgen.Fragen der Sicherheitsstandards müssten zweifelsfrei geklärt werden. Die Positionen der AGO müssen weiter durchdacht werden. Die AGO hatte ja aus fachlicher Sicht auch für eine bundesweite Suche plädiert.

Der wichtigste Punkt ist vielleicht, dass nach einem geeigneten Standort gesucht werden soll. Diese rechtliche Lage müssen wir wohl akzeptieren, denn eine Änderung dieser Gesetzeslage scheint mir ausgeschlossen. Es gilt also zu klären: Was bedeutet Eignung. Was ist mit der Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes oder von geologischen Unfällen? Auch die Transporte gehören dazu, ebenso der Naturschutz.

Wie optimistisch sind Sie, dass die letztendlich umgesetzte Zwischenlager-Lösung auch von der Bevölkerung getragen wird?

Es gibt vermutlich in kaum einer Region eine Bevölkerung, die durch eigene Betroffenheit so sachkundig ist bei dem Thema Atommüll, und die sich so sachlich damit auseinandersetzen kann. Es gibt hier einen hohen Bewusstseinsgrad für diese komplexen Probleme, den es woanders nicht gibt. Hier – rund um die Asse – ist eine vernünftige Auseinandersetzung vermutlich am ehesten möglich.

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